Sonntag, 9. Februar 2020

Die spinnen, die Skifahrer

Zum Skifahren nach Japan? Spinnt ihr! Hätte ich für jede dieser Aussagen einen Euro bekommen, hätte ich mir davon fast schon den Skiurlaub in Japan leisten können. Aber die Leute haben ja Recht… Marc und ich spinnen. 
Wobei: Es war schon immer Marcs Idee, weil er überall auf der Welt gehört hat, dass es in Japan den besten Tiefschnee der Welt gibt. Treppenwitz der Geschichte: Wenn man in Japan fragt, wird einem wieder erzählt, dass man nach Utah muss. Dann haben wir auch noch einen Heli-Ski-Betreiber aus Alaska getroffen, der uns „eingeladen“ hat… aber der Reihe nach.


Los ging es direkt nach Weihnachten, wodurch ich meinen Geburtstag irgendwo über Russland erlebte. Marc hatte gleich zum Frühstück Sake besorgt, um die richtige Grundstimmung für den Urlaub herzustellen. Blöd nur, dass ihm Sake nicht geschmeckt hat. Pflaumenwein auch nicht... das japanische Frühstück, was er sich im Flieger mühsam erkämpfen musste (Mitleid bei der Stewardess erregen, weil das japanische Abendessen aus war), auch nicht.

Zum Glück konnte ihn aber das japanische Bier überzeugen, wodurch die Grundversorgung mit Lebensmitteln doch noch gesichert war. Hinzu kamen Ramensüppchen, Ramensüppchen, Ramensüppchen und auch mal eine Nudelsuppe. Trotzdem haben wir es geschafft, ganz gut zuzulegen. Woran das gelegen haben könnte? Daran, dass wir fast immer noch Gyoza zu den Ramen gegessen haben? An den rauen Mengen Fleisch, die wir sonst noch zu uns genommen haben (Yakiniku, Shabu Shabu, Teppanyaki)? An Spaghetti Carbonara zum Frühstück? An den Süßigkeiten lag es auf jeden Fall nicht. Eine Tüte Snickers am Tag ist doch ganz normal, oder? Außerdem habe ich durch Marc auch neue Diättricks kennengelernt. Man mische normale Cola 50:50 mit Cola Zero. Das ergibt quasi den vollen Geschmack bei 0 Kalorien. Auch die Essenspreise hätten zum Teil eine Diät unterstützt. Wir hatten einmal Heißhunger auf westliche Küche und haben 50 Euro für zwei mittelmäßige Pizzen gezahlt.


Ich hatte aber auch so einen Heißhunger auf japanisches Essen, so dass ich sogar Fisch gegessen habe. Ok… ich dachte es wären so eine Art Chicken McNuggets gewesen… waren es aber nicht. Allerdings ist nichts passiert. Vielleicht ist Japan einfach so sauber, dass sogar der Fisch frei von Allergenen ist? Wir reden hier von einem 
Land, in dem man vor öffentlichen Toiletten die Schuhe wechselt. Wobei die Trefferquote dadurch auch nicht zwingend besser wird. Auch die Trefferquote für Mülleimer war miserabel, da es einfach kaum welche gibt. Dafür gab es aber auch mal einen Lappen am Tisch, damit man ihn selber reinigt. Kombiniert mit einem Automat zum Bestellen und Zahlen sorgt das für echt effiziente Hütten… nur urig wird es so nicht. 


Wir sind aber auch nicht nach Japan, um leere Snickersverpackungen in den Müll zu schmeißen. Eigentlich ging es ums Skifahren in möglichst viel Pulverschnee oder wie der Kenner es formulieren würde: #japow. Eigentlich könnte man sagen, wir hatten Pech. Es ist 1 Meter weniger Schnee gefallen, als es zu dieser Jahreszeit dort üblich ist und daher hatten ein paar der von uns anvisierten Skigebiete geschlossen. Auch unsere Versuche, eine Pistenraupentour zu machen, sind ins Wasser gefallen. In dem Hauptskigebiet Niseko waren sogar die Gates die ganze Saison noch nicht geöffnet worden.

Hier muss man vielleicht erst einmal erklären, was ein „Gate“ ist. Die Japaner lieben Regeln. Falls irgendjemand denkt, Deutschland sei unterreguliert, kann ich ihm nur Japan als Reiseziel empfehlen. Da kann man noch viele tolle Ideen für zusätzliche Regulierung finden. Wie genau es geht? Beim Eiskauf wurde sogar die Eismenge mit einer Waage gemessen. Außerdem wurde uns angeboten, ein Lied für uns bei der Eiszubereitung zu singen… wir haben verzichtet. So ist in Japan in manchen Skigebieten auch geregelt, wo man die Pisten verlassen darf, um in den Tiefschnee zu kommen; nämlich an den Gates. Für die gibt es dann natürlich auch Regeln. So darf man z.B. nicht auf Ski durch sie durchfahren, damit niemand denkt, dass man dort fahren darf. Außerdem muss man sich zum Teil bei der Pistenwache melden, damit man einen Passierschein bekommt. Marc und ich haben uns also als erfahrene Guides ausgegeben… die wir ja auch sind. Zum Teil. Naja fast. Also bis auf das eine Mal, wo wir den Berg wieder hochgelaufen sind. Aber das weiß ja keiner. Also pssssssst.


Man kann aber auch sagen, dass wir ziemliches Glück mit dem Schnee in Japan hatten. Es hat eigentlich jeden Tag, den wir dort waren, geschneit. Wir konnten also immer wieder frische Spuren ziehen. Teilweise sind wir auch hüfttief im Schnee versunken, wodurch wir uns nichts so richtig erklären konnten, wieso immer wieder von „wenig Schnee“ die Rede war. Ich habe am Asahidake auch den besten Schnee meines Lebens erlebt. Der war so trocken und pulvrig, dass die Ski nach dem Abschnallen schon wieder komplett schneefrei waren, weil einfach nichts geklebt hat. Apropos… in Japan bitten auch die Liftbetreiber, dass man sich vor Betreten des Skilifts doch bitte von allem Schnee säubert. Von diesem dreckigen, frischen, weißen Schnee…


Außerdem wurde unsere Gebete erhört und am letzten Tag in Niseko haben auch die weltberühmten Gates zum ersten Mal in der Saison geöffnet. Leider nicht alle, so dass wir keine Gipfelfotos machen konnten, aber immerhin ein paar. Aus japanischer Sicht lag wohl immer noch nicht genug Schnee. Gerüchteweise wird dort erwartet, dass der allgegenwärtige Bambus komplett zugeschneit sein muss. Die meisten Besucher sind aber einfach durch den Bambus durchgefahren. Wahrscheinlich haben wir genug Bambus umgefahren, um die Pandabären im Berliner Zoo für die nächsten 10 Jahre zu versorgen. Aber hey… „no friends on powder days“ gilt auch für Pflanzen. Diese Weisheit wurde auch vom Weisen vom Berg in Asahidake bestätigt. Den haben wir in einer wirklich filmreifen Szene kennengelernt.


Setting: Auf einem einsamen Gipfel in den Mittelgebirgen Japans. Schneefall und Nebel, fast keine Sicht. Zwei Europäer irren durch den Nebel auf der Suche nach dem Weg, den sie tags zuvor noch problemlos gefunden haben. Mutlosigkeit tritt ein. Sie bereiten vor, wieder umzukehren. Doch da… aus der Nebelwand löst sich eine Gestalt in knallgelbem Skianzug. „Wollt ihr hoch oder runter?“ sprach der Weise. Ehrfürchtig schauten die Europäer in sein von 50 Jahren in den Bergen gegerbtes Gesicht. „Runter, aber wir wissen nicht wie“ riefen sie aus. „Habet keine Angst und folget mir“ sprach der Weise und glitt dahin. So konnten wir auf dieser ersten Abfahrt frische Spuren in einen der besten Hänge zeichnen und waren total begeistert. Ein zweites Mal wollte er uns den Weg aber nicht zeigen… „no friends on powder days“ sagte er mit breitem Grinsen. Dass er eine Legende an dem Berg war, lernten wir dann später von Ammis.


Der Asahidake war eh etwas ganz Besonderes. Es gibt dort nur eine Gondel und die wurde auch eher gebaut, damit Touristen im Sommer auf den Berg kommen. Im Winter gibt es nur eine einzige Piste runter und alle, die dort sind, haben nur ein Ziel: Tiefschnee. Das führt zu einer fast schon familiären Atmosphäre, weil man in der Gondel doch immer wieder die gleichen Leute trifft und nach 2-3 Tagen auch alle „kennt“. So hat Marc uns nach der Absage des Japaners auch einfach einen neuen „Guide“ angeschwätzt. Ein amerikanisches Pärchen, dass sich wohl gerade am Tag davor auf diesem Berg verlobt hatte. Die waren so nett, dass wir dann den Rest des Tages mit denen gefahren sind. Im nächsten Skigebiet haben wir sie auch gleich wiedergetroffen. Ebenso wie Shawn, der auf Hawaii lebt, auf einer anderen Insel als seine Frau, der auch den Aufenthaltsort seiner Kinder nicht so genau weiß, der schon mit den Gründern einer bekannter Snowboardmarken geboarded hat, der Snowboardfilme gedreht hat, seine Firma verkauft hat und nun wochenlang Snowboard fährt. Sagen wir mal so: Wenn die Hälfte seiner Geschichten stimmt, dann hätte er schon ein bewegtes Leben gehabt. Aber boarden konnte er… ich hatte im Tiefschnee keine Chance an ihm dranzubleiben.
Es waren halt lauter so bunte Vögel dort unterwegs… und wir. Quasi die Amseln in der bunten Vogelwelt.


Natürlich sind wir nicht einfach so dort rumgefahren sondern haben uns für diesen Berg für den ersten Tag einen Guide geholt. Der war Amerikaner und kannte sich daher auch nur an Teilen von dem Berg aus. Wir hatten uns dummer Weise dazu bereit erklärt auch mal etwas Neues mit ihm auszuprobieren, was dazu führte, dass wir eine Abfahrt mit ungefähr zwei Schwüngen im Schnee, dafür aber 20 Minuten traversieren durch den Wald, 10 Ästen im Gesicht, 5 Wurzeln um die Ski und am Ende ein 30-minütige Wanderung inklusive Flussquerung hatten. Marc war am Ende nicht so gut gelaunt.


Das Laufen/Wandern mit Ski war eh nicht so unsere Stärke. Wir wurden ständig links und rechts überholt; von Skifahrern, von Boardern, von Frauen, von Männern, von Jungen und von Alten. Wir haben lange nach der passenden Ausrede gesucht. Bessere Krafteinteilung bei uns? Schwierigere Abfahrten bei uns? Schon länger unterwegs? Am Ende lag es sicher an der Ausrüstung… oder so… Ich habe noch nie so viel so teure Ausrüstung rumfahren sehen wie dort. Man konnte quasi den gesamten Arc’teryx Katalog live auf der Piste sehen. Wobei Marc und ich uns auch bemüht haben. Wir haben es sogar geschafft einmal gefragt zu werden, ob wir den für Head Ski fahren würden. Natürlich weil wir einfach so hoch professionell aussahen und fahren konnten. Marc hatte hingegen den völlig falschen Eindruck, dass wir verarscht wurden, weil wir beide immer dieselbe Kappe von Head aufhatten.

Ansonsten fällt aber auf, dass Skifahren in Japan eine sehr höfliche Veranstaltung ist. Egal wo man sich anstellt, jeder stellt sich hinten an und es gibt kein Gedränge. Bei kleineren Liften stehen auch alle brav einzeln hinter- bzw. nebeneinander und warten auf ihre Pizzaschachtel. So heißen die Einsitzer, die eben gerade so groß wie eine Pizzaschachtel sind und keinerlei Bügel oder Ähnliches bieten. Auch als wir an dem Tag, an dem die Gates in Niseko geöffnet haben, 1,5h bei klirrender Kälte relativ weit oben am Berg auf die Öffnung des Lifts gewartet haben, blieben alle in der Schlange und ruhig. Irgendwann hat nur ein Australier die Pistenwache angesprochen, die schon 5 Mal mit dem Lift hoch- und dann wieder runtergefahren war. Als ihn alle gebannt gefragt haben, was die Pistenwache denn geantwortet habe, meinte er ganz cool „irgendetwas auf Japanisch“.


Englisch ist nicht so wirklich die Stärke der Japaner, auch nicht in der Tourismusbranche. Als wir direkt am ersten Abend unsere Herberge 30 Minuten lang nicht finden konnten, weil sie mit einer falschen Adresse angegeben war und noch dazu einfach ein Zimmer in einem Haus war, das keine beleuchteten Schilder ohne Ähnliches hatte, hat Marc dann in seiner Verzweiflung versucht, die Japaner auf Deutsch anzusprechen, als wir mit Englisch nicht weiterkamen. Überraschender Weise hat das aber zu einem Ergebnis geführt… Schweigen. Selbst in einem Hotel sind wir mit Englisch nicht weitergekommen, so dass ich das zweite Zimmer im Hotel übers Internet gebucht habe, damit es einfacher wurde. Warum brauchten wir ein zweites Zimmer. Im ersten Doppelzimmer, war das Bett so klein, dass Marc seinen Kopf auf meine Schulter hätte legen müssen, um zu schlafen. Das wäre noch schön gewesen… aber das Zimmer war zu klein, um noch zwei Koffer darin abzustellen.
Auch sonst hat man sich bemüht, den Klischees gerecht zu werden. Als ich eine heiße Schokolade mit Rum bestellte, wurde ich fragend angeschaut. Ich habe dann in der Karte die Wörter gesucht und darauf gezeigt. Woraufhin die Bedingung ausrief „Aaaaahhhh hot chocolate with Lum!“. Immerhin, sie hat mir dann einen sehr leckeren Lumumba serviert. Heißt der eigentlich deswegen so?

 

Kommen wir damit zu ein paar Sonderthemen:

Auto fahren
Die Japaner fahren ja bekanntlich auf der falschen Seite der Straße, was aber gar nicht so das Problem war. Viel schwieriger war, dass Blinker und Scheibenwischer vertauscht sind, weshalb wir an Abbiegungen immer saubere Scheiben hatten und bei Schneefall immer abbiegen wollten. Weitere Probleme hatten wir beim Tanken. Man würde ja denken, dass man am Tankautomat die Sprache umstellen kann… von wegen. Wir waren auf fremde Hilfe angewiesen. Wie auch an dem Tag, an dem ich das Auto im Tiefschnee festgefahren habe, weil ich vor lauter Schnee die Straße nicht von der Zufahrt für Pistenraupen unterscheiden konnte. Ups. Das passiert, wenn man ohne Navi fährt. Mit Navi fahren hat aber auch so seine Tücken. So hatten wir in einem Skigebiet eine Unterkunft, von der wir zu einem Lift hätten laufen können. Wir haben aber nur aufs Navi geschaut, das uns natürlich zur Hauptgondel geführt hat, weshalb wir 10 Minuten mit dem Auto dort hingefahren sind.  
Eine weitere Herausforderung war das Erkennen der korrekten Geschwindigkeit, denn die Japaner haben es nicht so mit Schildern, die die Geschwindigkeit anzeigen. Und da immer alles komplett zugeschneit war, wussten wir auch nicht, wie viele Spuren es gab oder was für eine Art von Straße das war. Nun könnte man ja meinen, dass man sich einfach an den Japanern orientieren kann. Die fahren aber halt immer aus Prinzip 20 km/h zu schnell. Eine Nation von skrupellosen Rasern? Von wegen… wenn sich jemand mit 21 km/h über dem Tempolimit von hinten nähert, fahren die links (ja… alles Seitenverkehrt) ran und bleiben stehen, damit man überholen kann. Auch beim Schneemobilfahren sind sie eher vorsichtig unterwegs. Man konnte sich von den Dinger auf einer Banane durch den Schnee ziehen lassen… jedoch mit einer Geschwindigkeit, bei der Marc und ich auch nebenherlaufen konnten.   

Eine weitere japanische Besonderheit sind rote Ampeln mit grünen Richtungspfeilen. Also die Ampel ist rot, aber man hat einen grünen Pfeil für geradeaus. Wer hatte diese Idee? Wahrscheinlich dieselbe Person, die es zulässt, dass man mit Go-Karts und in Kostümen verkleidet durch Tokio fährt. Wieso? Weil es halt geht.



Niseko
Niseko ist das bekannteste Skigebiet in Japan und wenn man einmal wissen will, wie ein Skiurlaub in Australien oder China aussehen könnte, ist man dort genau richtig. Vielleicht sollte man es eher so ausdrücken: Es ist wie ein Skiurlaub in Japan, mit australischer Gastronomie, chinesischem Event-Massentourismus, schweizer Preisen und Nordsee-Wetter. Es kommt also das Beste aus aller Welt zusammen… quasi. Es war auf jeden Fall das erste Mal, dass ich auf einer Skihütte Mapo Tofu gesehen haben und abends Brisket vom BBQ-Grill gegessen habe. Mit dem australischen Besitzer vom BBQ-Pit haben wir uns auch gleich sehr gut verstanden. Also nicht, dass wir ein Wort von seinem breiten australischen Akzent verstanden hätten, aber er hat uns eine Runde Shots ausgegeben. Thanks mate! Das Wetter war hingegen wechselhaft und stürmisch. Wir sind gerne mal bei strahlendem Sonnenschein unten in die Gondel eingestiegen, um oben im Schneesturm wieder auszusteigen.

 

Effizienz
Man kennt Japan ja als Hochtechnologieland in dem selbst Aufgaben, wie das Entgegennehmen von Bestellungen, von Robotern erledigt werden. Was macht man nun mit all dieser gewonnen Arbeitskraft? Man verschwendet sie wo anders. Z. B. an der Kasse. Am Flughafen wurden unsere Kreditkarteninformationen tatsächlich von Hand auf ein Papier mit Durchschlag geschrieben (nicht mal eine Ratsche hatten sie), wodurch der Prozess locker 5 Minuten dauerte. Außerdem wurde überall der Preis in eine Registrierkasse eingegeben, was die Japaner aber nicht daran hinderte, alles noch mal auf einem Taschenrechner nachzurechnen, um einem das Ergebnis zu präsentieren. Zuletzt gibt es da noch die „Polizisten“ An jeder Baustelle stehen Männer (tatsächlich nur Männer) in Uniform mit Helm, die nichts anderes machen, als mit Leuchtstäben auf komplett beschilderte und durch Hütchen abgetrennte Verkehrshindernisse hinzuweisen. DAS kann wohl noch kein Roboter.

Silvester
Uns war irgendwie klar, dass Silvester in Japan anders sein wird. Anders kann ja auch positiv sein. Anders hieß in diesem Fall jedoch, dass es für die Japaner eher wie unser Weihnachten ist. Alles hat geschlossen, man fährt heim zur Familie und verbringt den Abend eher in Ruhe. Wir konnten nun auf die Schnelle nicht zu unseren Familien und hatten uns daher eine Rooftop-Bar gesucht, um einen hervorragenden Blick über… ja über was eigentlich? Über eine komplett tote Stadt zu haben. Es gab genau eine Rakete am Himmel und wären Marc und ich nicht um Mitternacht aufgesprungen, hätte sonst wohl keiner mitbekommen, dass es gerade einen Jahreswechsel gab. Daher war es auch vergebene Liebesmühe, dass wir extra unsere „japanischen“ Trikots von Hasebe angezogen haben, weil in der Bar sonst nur zwei oder drei westliche Pärchen waren.  

 

Onsen
Während der Österreicher nach dem Skifahren zur Entspannung gerne in die Sauna geht, hat der Japaner seine Onsen. Wenn man es ganz genau nimmt, sind damit nur Bäder gemeint, in denen es heißes Wasser vulkanischen Ursprungs gibt, aber ich zähle mal alle heißen Bäder dazu. Natürlich gibt es auch dort strikte Regeln. Zum einen sind die Geschlechter klar getrennt. Das geht wohl mit dem Nacktheitsgebot einher. Auch darf man sein großes Handtuch nicht mit in den Badebereich nehmen, sondern nur ein kleines. Das führt dazu, dass manch einer versucht, seinen Schambereich immer mit dem kleinen Handtuch zu verdecken. Ab einem gewissen Körperumfang sieht das sehr lustig aus. Dieses kleine Handtuch darf man auch mit ins Wasser nehmen, aber dort niemals auswringen. Ich glaube es ist selbstredend, dass es auch verboten ist, Alkohol mit ins Bad zu nehmen oder eine Kamera… ich weiß nicht, was auf dem Foto schief gegangen ist.

 

Die wichtigste Regel im Onsen ist aber waschen. Damit meine ich waschen, waschen und waschen. Vor dem Bad? Waschen! Nach dem Bad? Waschen! Noch einmal ins Wasser? Waschen! Wieder aus dem Wasser? Waschen! Und waschen ist keine schnelle Dusche. Weit gefehlt. Waschen ist ein Ritual, dass mal locker 15 Minuten dauert. Marc und ich wussten schon nicht mehr, welche Hautfalte wir noch waschen sollten, waren aber trotzdem deutlich schneller als die Japaner. So bleibt die Haut vielleicht besonders weiß? Ich hoffe, dass wir nicht zu negativ aufgefallen sind. Als wir dann aber draußen im heißen Wasser saßen, mit dem Blick auf die Berge und bei leichtem Schneefall, war es das jedes Stück Seife wert, dass auf dem Weg geopfert wurde. 

Corona Virus
Wir waren vor jeglicher Ansteckung geschützt

 

Am Ende fragt ihr euch sicher, ob Japan denn jetzt wirklich so abgedreht ist, wie man denkt. Habt ihr öfters mal Lust auf ein heißes Bohnensüppchen aus dem Automaten? Oder doch lieber getragene Höschen? Ein Kaffee in einem Laden, in dem alle Bedienungen kurze französische Dienstmädchenuniformen tragen, oder doch lieber einen Roboter als Bedienung? Trinkt ihr im Flieger zur Erfrischung gerne eine Rinderkraftbrühe? Dann würdet ihr da drüben eigentlich gar nicht auffallen…

PS: Ja, es gibt überall die Toiletten mit beheizter Brille und eingebautem BD. Selbst in der dreckigsten Bar oder der abgelegensten Hütte.

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