Sonntag, 22. Februar 2015

Einarbeitung

Wer hätte es gedacht; ich bin immer noch in den USA. Ihr merkt also, dass ich an mich halten kann. Wobei es mir zugegebener Maßen manchmal sehr schwer fällt. Ich muss noch lernen, so anpassungsfähig wie mein "relocation agent" zu werden. Die traut sich wirklich, mir Mails zu schreiben, in denen sie ihrer Chefin erzählt, wie gut doch die Wohnung in Easton zu mir passen würde, nachdem sie mir beim ersten Treffen noch gesagt hat, dass ich sicher nicht in Easton leben wolle. Deswegen musste ich die Wohnung auch selber finden. Ich glaube, nun allerdings verstanden zu haben, warum sie mir das am Anfang gesagt hat. Sie will einfach nicht so weit fahren.

Der Gedanken ist mir gekommen, als ich bei -10° Celsius alleine 20 Minuten vor dem Social Security Office in Allentown in Anzugshose gewartet habe, obwohl es ein Büro direkt zwischen meinem aktuellen Wohnort in Bethlehem und meinem Arbeitsplatz in Bethlehem gibt. Ihr ahnt es... sie wohnt in Allentown. Und trotz der kurzen Anreise wollte sie nicht so früh kommen... ihr war es zu kalt zum Warten. Aber ich helfe ihr ja gerne, ihren Job zu machen.

Dass die Niagara Fälle gefroren sind, zeigt, dass das Wetter hier etwas ungemütlich ist

Heute hat sie meine Gutmütigkeit dann aber doch etwas überstrapaziert, nachdem sie mir geschrieben hat, dass ich meinen lokalen Führerschein erst beantragen kann, wenn ich in meine neue Wohnung ziehe und dass ich dafür von meiner Personalabteilung noch ein weiteres Dokument bräuchte. Von beidem war bisher nie die Rede. Es stellte sich auch raus, dass beides falsch ist. Ihre Erklärung? Wenn ich die Adresse ändere, müsste ich mich bei der Führerscheinstelle noch einmal ummelden und sie dachte, ich möchte mir diesen Aufwand und die Kosten sparen. Ich habe kurz gegoogelt und siehe das; es geht kostenlos mit einem Onlineformular. Diesen Mist schreibt sie mir mit ihrer Chefin in CC ohne ein Wort der Entschuldigung oder Richtigstellung der vorherigen Mail. Ich hasse echt nichts mehr, als offensichtlich verarscht zu werden. Ok... Unfähigkeit ist oft eine zulässige Erklärung, aber ich kann nun nicht auf alles Rücksicht nehmen.
Als Außenstehender fragt man sich vielleicht, warum mich das jetzt so besonders reizt. Das liegt daran, dass ich ohne diesen Führerschein mein bereits bezahltes Auto nicht vom Händler abholen kann. Sie sollte doch wiesen, dass man sollte sich niemals zwischen einen Deutschen und sein Auto stellen sollte!

Man darf natürlich nicht vergessen, dass sie mich auch beim vielem unterstützt hat. So konnte ich ihr z.B. alle Fragen zu meinem Mietvertrag stellen. Die Antworten lassen sich mit "dass wäre hier halt so und ansonsten müsste ich mit dem Vermieter sprechen" zusammenfassen. Ich durfte allerdings erst unterschreiben, nachdem noch zwei Hierarchiestufen über meinem relocation agent zugestimmt haben. Das hat wirklich sehr geholfen. Diese Stufen haben dafür gesorgt, dass ich insgesamt 3 Mal per Mail versichern musste, dass ich verstanden habe, dass der Vertrag keine "diplomatic clause" enthält. (Ist egal was das ist.) Beim Thema C.Y.A. (cover your ass... it's a thing!) sind sie alle ganz stark.
Jetzt habe ich einen Mietvertrag unterschrieben, der es mir ausdrücklich verbietet, Nägel in eine Wand zu schlagen, weiter unten aber den Gebrauch normaler Nägel zulässt. Ich darf auch laut Vertrag nicht streichen. Gleichzeitig preist mein Vermieter (es ist ein Unternehmen, dass den ganzen Komplex verwaltet) an, dass man Farben aus einer vordefinierten Palette wählen kann, um zu streichen. Und ganz wichtig: Es ist verboten Handtücher auf dem Balkon zu trocknen. Außerdem habe ich unterschrieben, dass mein Vermieter unabhängig vom Grund nicht für Schäden an meinem Besitz haftet. Vermieter: "Das steht ja unter dem Absatz für zurückgelassene Sachen." Ich: "Warum steht dann da unabhängig vom Grund? Sie könnten bei einer Reparatur jetzt meine Sachen kaputt machen." Vermieter: "Ich verstehe, dass das verwirrt. Aber das machen wir ja nicht." Ich: "Würden Sie unterschreiben, dass Sie mir 1 Millionen Dollar gebe, wenn ich nackt über die Anlage renne und ich ihnen versichere, dass ich es nicht tue." Vermieter: "Nein." Aber ich bin froh, dass mein relocation agent abgesichert ist.

Hier werde ich bald wohnen

Mein relocation agent konnte mir auch an dieser Stelle wieder sehr helfen. Die Vermieter würden die Verträge halt so schreiben, dass sie zu ihren Gunsten sind. Sie würden das machen, um sich abzusichern. Jetzt frage ich mich wirklich, ob der nigerianische Prinz, der laut seiner Mail nur 1.000 Euro von mir braucht, damit er mir später 1.000.000 überweisen kann, sich auch einfach nur absichern will. Dann würde ich das auch verstehen und ihm das Geld natürlich sofort überweisen.
Einen habe ich noch. Alle Willenserklärungen müssen laut Mietvertrag schriftlich erfolgen. Der Vermieter darf explizit Mails nutzen, ich hingegen nur Einschrieben oder ich muss den Brief persönlich übergeben. Der Verwalter hätte aber am liebsten Mails von mir, weil das am einfachsten ist. Ende der Diskussion war mal wieder, dass die Verträge zentral vorgegeben sind und er nichts daran ändern kann. Laut Aussage des relocation agents sind aber alle Verträge so.

Das Schlimme ist, dass einem ein beharrliches Ausdiskutieren auch nichts bringt. Mein Ernst&Young Steuerberater hat es bisher immer noch nicht geschafft, mir meine zwei Fragen aus dem Dezember zu beantworten und das, obwohl ich ihn schon 3 Mal erinnert habe. Man bekommt immer irgendetwas zugeschickt, was aber nur ganz am Rande etwas mit der Fragestellung zu tun hat. Auf die Frage, warum ich auf Wechselkursgewinne von nicht realisierten Kapitalgewinnen meiner Lebensversicherung Steuern zahlen soll, schickt er mir die Definition, was eine Lebensversicherung ist. Wenn er als ausgebildeter Steuerberater das noch verstehen muss... ok... aber er soll mich damit in Ruhe lassen. Vielleicht sollte ich ihm mal wieder schreiben... aber das führt sicher zu nichts.

Samstag, 14. Februar 2015

Einstand

Neuer Job/Lebensabschnitt, also muss auch ein neuer Blog her. Mein Unternehmen hat sich entschieden, mir eine Führungsaufgabe in den USA zu übertragen und daher dachte ich, dass der Blogname eigentlich ganz gut passt. Viele der Wortspiele mit dem Substantiv von "führen" wären vielleicht politisch zu verfänglich. So oder so gilt: Es werden noch Wetten angenommen, wie lange es dauert, bis ich wegen "sexual harassment" (man darf hier Kolleginnen nicht einmal ein Kompliment machen) oder Beleidigungen von Minderheiten (als Deutschösterreicher bin ich ja eigentlich auch eine) meinen Job verliere. Bedenkt dabei: Ich werde mir Mühe geben!
Andere scheint das weniger zu kümmern. Einer der Autohändler meinte schon, ich hätte doch wohl keinen Punkt auf der Stirn (Anspielung auf den Geiz der Inder) oder meine Umsiedlungsagentin (relocation agent) bezeichnet die spanisch-sprechenden Minderheiten auch gerne als beste Kunden der sozialen Sicherungssysteme. Vielleicht muss ich einfach noch lernen, wo die richtige Trennlinie ist?
Außerdem muss ich auch noch lernen, dass man 15 Fuß von einem Feuerhydranten entfernt parken muss. Sonst kostet das 115 Dollar. Aber ich helfe New York City ja gerne, wenn sie das Geld bitte, bitte in die Straßen investieren. Der Begriff Clerasiltestgelände umschreibt den Straßenzustand von NYC bis Bethlehem wohl am besten. (Ja, da muss man zwei mal um die Ecke denken.)

Wie geht es mir? Gut! Ich habe z.B. ein Auto bei einem Nissanhändler in Delaware gekauft. Hätte ich auch nie von mir erwartet... aber er bietet zum Glück auch gebrauchte deutsche Autos. Warum in Delaware? Die Ammis haben meiner Meinung nach ganz anderer Vorstellungen als wir, was die wichtigsten Ausstattungsmerkmale eines Autos sind. Ich verstehe, dass man in Bethlehem keine Parksensoren braucht, weil überall genug Platz ist und ich sehe auch ein, dass Navigation mit dem Handy billiger ist, als ein fest installiertes Navigations... ich wollte aber beides. Und dafür musste ich halt weit fahren. Dafür bekommt man aber keinen BMW ohne das Premium Paket (Kofferraum geht mit dem Fuß aus, kein Zündschloss, Glasschiebedach...) Mein Auto steht allerdings immer noch beim Händler, da ich noch keine Social Security haben und daher das Auto nicht zu erträglichen Konditionen versichern kann. #Herzschmerz

Seit heute habe ich auch die Bestätigung, dass ich im März in eine Wohnung einziehen kann. Leider nur meine B-Option, aber Option A befindet sich noch immer im Bau und kann, obwohl man angeblich im März einziehen können soll, nicht mal einen Terminplan für die restliche Zeit vorweisen. Daher musste ich schweren Herzens einsehen, dass der Immobilienentwickler nicht wirklich zuverlässig ist.

Arbeit läuft soweit gut. Das mag aber auch daran liegen, dass es alles noch Einarbeitung ist und daher noch entspannt. Ich habe schon mehrfach das Vergnügen mit der indischen Technik-Hotline machen dürfen (ich spare mir aus Übungszwecken alle unangebrachten Äußerungen dazu) und bin optimistisch, dass ich innerhalb des ersten Monats alle noch offenen technischen Probleme überwinden werde. Ich hoffe, dass ich für diesen Optimismus nicht bestraft werde.
Meine Mitarbeiter sind (ohne Ironie) wirklich nett und haben soweit einen guten Eindruck hinterlassen. Die Prozesse erscheinen aber so, als ob durchaus noch Verbesserungen möglich sind. Mir wird nicht langweilig werden. So hat die Logistik schon in meiner ersten Woche einen Produktionsbereich stillgelegt. Ich möchte hier meine Gruppe aber gleich explizit in Schutz nehmen. Ich sehe den Fehler auch an einer anderen Stelle.

Für heute soll es das mal gewesen sein. Ich könnte mich noch lange beklagen, aber das führt zu nichts.